Demokratie in Öl
von Sabine Letz

Ölgemälde sind teuer. Zu teuer, fanden die Niederländer Jan Peter van Doorn und Bert Jan van Egteren. Sie entwickelten eine erfolgreiche Geschäftsidee: Ihre "Kunstfabriek" produziert preisgünstige Unikate - sogar nach Wunsch.

Schon im Foyer der Amsterdamer "Kunstfabriek" beherrschen sie den Raum: Goldfische auf weißem Grund, sattgelbe Sonnenblumen und Vincent van Gogh als Selbstporträt - realistisch gemalt in Öl auf Leinwand. Im Hauptausstelllungsraum überfluten den Besucher dann die Farben und Motive: Schwarz-weiße Kühe auf rotem, blauem, grünem Grund. Stilleben, prächtige Blüten, Pinguine, ein riesengroßes Engelsgesicht, daneben Abstraktes, Symbolisches, Verfremdetes.
Der Name "Kunstfabriek" lässt an Fließbandarbeit denken. Und tatsächlich zählen die vielen Exponate, die an den Wänden hängen oder im Archiv stehen, zum Mindestbestand von rund 300 Bildern, der regelmäßig mit neuen Arbeiten aufgefüllt wird. Denn das Konzept des Unternehmens lautet: "Ein Ölbild für Jedermann", und dazu gehört natürlich ein entsprechend großes Angebot.
"Wir malen beide selber gerne. Doch das dauert ewig und ist ein bisschen langweilig", erklärt der 53-jährige Jan Peter van Doorn, eine ehemaliger Werbefachmann. "Die Frage war dann: Wie kann man viele Ölbilder produzieren, ohne sie selbst malen zu müssen?", fährt sein Geschäftspartner, der 39-jährige Bert Jan van Egteren, fort. Er war früher als Spezialist für Moderne und Zeitgenössische Kunst beim Auktionshaus Christie's tätig. Vor etwa fünf Jahren kam den beiden die Idee, Ölbilder zu erschwinglichen Preisen zu produzieren.
Outsourcing sei damals im Trend gewesen. Deshalb gaben sie 20 jungen niederländischen Malern Vorlagen, die sie zuvor mit Grafikern am Computer erarbeitet hatten. Die Künstler sollten die Entwürfe realistisch in Öl umsetzen. "Vier waren sehr gut, jedoch zu teuer. Sie forderten schlichtweg das Doppelte von dem, was wir beim Verkauf verlangen wollten", sagt van Doorn - "der Rest war zu langsam und technisch viel zu schlecht." Zudem gibt es bei der "Kunstfabriek" statt des Malernamens nur unten rechts im Bild das typische Signet: eine stilisierte Fabrik mit rauchendem Schornstein. Und dafür seien Niederländische Künstler nicht zu haben, denn sie wollten unter ihrem eigenen Namen arbeiten.
Da in China der Umgang mit Ölfarbe noch wie ein Handwerk gelehrt wird, lassen die beide Niederländer, die sich scherzhaft als "kulturelle Unternehmer" bezeichnen, nun dort malen. 40 bis 60 chinesische Maler arbeiten für sie. Das zog Kritik auf sich: "Man kreidete uns an, wir würden die Dritte Welt ausbeuten", gibt Bert Jan van Egteren unumwunden zu. "Aber nach chinesischen Maßstäben werden unsere Leute sehr gut bezahlt", hält er dagegen. "Sie stehen regelrecht Schlange, um für uns zu malen."
Die Bilder der "Kunstfabriek" kosten zwischen 250 und 4000 Euro. Für ein Ölgemälde ist das ein geringer Preis. Zum Vergleich: Derzeit muss für ein fotorealistisches Ölbild eines deutschen Künstlers je nach Bekanntheit zwischen 10 000 und 30 000 Euro bezahlt werden. "Ein Mann und seine Frau haben sich in einer Amsterdamer Galerie ein Stilleben für 10 000 Euro gekauft", berichtet van Egteren - "vor kurzem kamen sie zu uns und sagten, sie hätten es zurückgegeben, denn für den Preis könnten sie sich bei uns fünf Bilder kaufen!" Und so ist der "Kunstfabriek"-Slogan zugleich auch ein Versprechen: "De prijs is de grootste kunst" - der Preis ist die größte Kunst. Wobei das Motto zugleich als selbstironisches Statement der beiden Unternehmer zur Frage "Was ist Kunst?" gelesen werden kann. "Die Leute kaufen unsere Bilder anstelle von Postern", sagt van Doorn.
Und was mögen die Kunden? Am beliebtesten seien Kuhbilder, Blumen, Stilleben und Ausschnitte aus Werken Alter Meister wie etwa ein Gesicht von Rubens oder das einer Madonna von Jan van Eyck. Dies sind allerdings keine Kopien in herkömmlichen Sinn. Denn die "Kunstfabriek" lässt lediglich Ausschnitte der klassischen Werke nachmalen und verfremdet sie zusätzlich am Computer. "Mit diesem System sind wir weltweit die Einzigen", sagt Van Egteren nicht ohne Stolz. Ebenso kann die Kunde das Foto seines Kindes oder eigene Ideen in Öl verwirklichen lassen - entweder kleinformatig auf 60 mal 40 Zentimetern oder ganz Groß auf drei mal zwei Metern Leinwand.
Den steigenden Zulauf der Kunden - die "Kunstfabriek" erwirtschaftet im Jahr einen Umsatz von 500 000 Euro - macht Van Egteren an der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft fest: "Heute will jeder einen einmaligen Urlaub erleben, ein einzigartiges Haus besitzen - und ein individuelles Bild haben." Deshalb seien ihre Bilder allesamt Unikate. "Jedes Motiv lassen wir nur einmal produzieren."
Trotz dieses Erfolges gibt es auch Tiefschläge: Auf internationalen Messen für zeitgenössische Kunst wurden sie bislang nicht zugelassen. Die Bilder seien zu kommerziell, nicht künstlerisch genug. Van Egteren entgegnet: "Doch für die Leute, die unsere Bilder kaufen, ist das, was wir produzieren, Kunst. Und ich finde, Kunst sollte einem auch Freude machen!"

DB Mobil, Dezember 2003, pp. 14-15